zurück

Radwelten: Wie fährt man in der Türkei Fahrrad? Fahrradkultur und Radverkehrssituation in der Türkei

Die Radkultur in der Türkei steckt noch in ihren Kinderschuhen.  Der Verkehr ist auf Fußverkehr sowie motorisierten Individual- und öffentlichen Nahverkehr ausgelegt. Schlecht ausgebaute bis nicht vorhandene Radinfrastruktur in den Großstädten führt dazu, dass Radfahrer ein äußerst seltenes Phänomen auf den Straßen sind. Radwege in der Millionenstadt Istanbul belaufen sich auf lediglich 35 Kilometer Länge, wobei Städte wie die zwei Millionen Einwohnerstadt Konya rund 150 Kilometer Radwege aufweisen können. Bis 2023 plant die türkische Regierung die Radwege landesweit um 1000 km auszubauen. In Antalya wurden allein im Jahr 2013 über sechs Kilometer Radwege gebaut. Neun türkische Städte verfügen mittlerweile über ein Fahrradverleihsystem. Es bestehen darüber hinaus intensive Bestrebungen, eine lokale Radkultur zu schaffen. 2015 finanzierte das türkische Amt für Entwicklung das ‚Safe Cycling Manual for Turkey‘, welches zur Aufgabe hat, den Radverkehr in der Türkei zu fördern und vor allem sicherer zu machen. Ein Vorzeigeprojekt ist auch der Radweg von Fenerbahce nach Pendik, der über mehrere Kilometer durch Grünanlagen an der Küste entlangführt. Vor allem in den Küstenregionen um das hügelige Istanbul herum besteht eine besser vernetzte Radinfrastruktur, die auch den Fahrradtourismus immer mehr anzieht. Bislang wird das Fahrrad mehr zur sportlichen Aktivität verwendet anstatt zur Bewältigung täglicher Mobilitätsbedürfnisse.

Laut einer Studie aus dem Jahr 2011 nahm das Fahrrad beim Modal-Split in Istanbul gerade einmal 0,05 % ein, wohingegen 25% aller Wege mit dem Auto zurückgelegt wurden. Gründe hierfür können die bewegte Topographie sein (Istanbul ist auch als Stadt der sieben Hügel bekannt), die Sicherheit spielt aber einen nicht zu vernachlässigenden Faktor, denn das Fahrrad wird nicht als gleichberechtigtes Transportmittel angesehen, was wiederum in Zusammenhang mit der schlechten Infrastruktur steht. Die Geschichte des Autos ist in der Türkei noch relativ jung. Der ökonomische Aufschwung des Landes und der Boom des Automarktes lassen sich zu auf den Beginn des 21. Jahrhunderts datieren. Allein in der ersten Dekade des neuen Jahrhunderts verdoppelte sich die Anzahl an Autos in Istanbul auf 1,7 Millionen. Dass die Istanbuler Bürgerschaft aber noch nicht vollkommen das Auto als einziges Transportmittel betrachtet, zeigt der erstaunlich hohe Anteil der Fußwege (49.3% aller Wege) sowie der Öffentlichen Verkehrsmittel am Modal Split: 71% aller motorisierten Wege wurden mit dem ÖPNV bestritten. Neben dem florierenden BRT (Bus Rapid Transport) System, ist der öffentliche Nahverkehr allgemein tief in der Geschichte von Istanbul verwurzelt und reicht mit der ersten Trambahn Mitte des 19. Jahrhunderts bis ins Osmanische Reich zurück.

Im Jahr 2008 gründete sich der Verein für Fahrradfahrer (Bisikletliler Derneği), der es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Radverkehr in der Türkei intensiv zu fördern. Unter anderem setzt er sich dafür ein, das Fahrrad für den Schulweg zu benutzen. Darüber hinaus veranstaltet der Verein Großveranstaltungen im Radbereich (siehe Bild unten). Seit einigen Jahren konnte die Fahrradbewegung Critical Mass auch in verschiedenen türkischen Städten Fuß fassen. Die in San Francisco gegründete Initiative versammelt jede Woche Fahrradbegeisterteund protestiert auf kreative Weise für die Gleichberechtigung im Straßenverkehr.

In der Türkei gilt das Rechtsfahrgebot. Alkohol am Steuer ist bis zu einem Limit von 0.5% erlaubt. Innerorts gilt ein Geschwindigkeitslimit von 50 km/h. Die Verkehrsbeschilderung in der Türkei folgt den internationalen Vorgaben. Es ist darauf zu achten, dass im Kreisverkehr der Verkehr im Kreis keine Vorfahrt hat. Dieses System wurde vor Jahrzehnten in der Türkei eingeführt und war der damaligen geringeren Verkehrsdichte angepasst.

(Foto: Rückenwind e.V.)

Weitere Informationen:

(Video von der Eröffnung eines neuen Radweges in Istanbul)

http://www.sustainablecitiescollective.com/reneevanstaveren/99786/path-bike-able-istanbul-current-progress-and-obstacles (Englisch)

http://bisikletliler.org/ (Türkisch)

http://www.istanbulforfun.com/where-to-ride-a-bike-istanbul/ (Englisch)

http://www.ibb.gov.tr/tr-tr/kurumsal/birimler/ulasimdairebsk/documents/imp_webdesign/Calibration.pdf (Englisch)

 

Veröffentlicht am: 24.03.2016