zurück

Radwelten: Wie fährt man in China Fahrrad? Fahrradkultur und Radverkehrssituation in China

Viele chinesische Touristen besuchen Deutschland aufgrund der kulturellen und kulinarischen Highlights. Deswegen gilt es auch chinesische Touristen für den Radverkehr in Deutschland anzusprechen, gerade weil das Fahrrad chinesischer Importschlager und Kulturgut ist. Die Sozialisierung des Fahrrads begann in China bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts. 1860 berichten erstmals hohe chinesische Regierungsbeamte nach ihrer Rückkehr aus Europa von einem Gefährt mit nur zwei Rädern, das nur von einem Rohr zusammengehalten wird. Dieses Gefährt fand einige Jahre später seine Verbreitung über die in Shanghai, das Tor zum Westen, lebenden Ausländer. Galt das Fahrrad zu Beginn noch als unangemessenes Fortbewegungsmittel in der chinesischen Tradition (wer es sich leisten konnte, zeigt sich in der Öffentlichkeit in einer Sänfte und ließ sich tragen oder in einer Rikscha ziehen), bröckelt diese Prägung mit der gesellschaftlichen Öffnung gen Westen. Über wohlhabende, technikbegeisterte Gesellschaftsbereiche findet das Fahrrad schließlich auch seinen Weg in die chinesischen Staatsorgane. Schon in den 1910er Jahren ist es sowohl beim Militär als auch in öffentlichen Institutionen wie der Post und Polizei anzutreffen. Als sich dann noch die Übernahme des westlichen Kalendermodells mit der Einführung einer Sechs-Tage-Woche in den städtischen und staatlichen Einrichtungen durchsetzt, entdeckte eine wachsende Mittelschicht das Fahrrad als Spielzeug der Freizeitgestaltung. Von diesem Moment an ist der Aufstieg Chinas zum Königreich des Fahrrads besiegelt. Bisherige Importeure eröffnen eigene Produktionsstätten und mit der Gründung der Volksrepublik China 1949 hält das Fahrrad auch Einzug in den ersten 5-Jahres-Plan. Dieser verhilft der jungen chinesischen Fahrradindustrie zu jährlichen Wachstumsraten von über 50%. Schon bald etablieren sich eigene Fahrradbahnen in der Stadtplanung und auch der Kauf von Rädern wird staatlich subventioniert und ebnet den weiteren Weg zum alleinigen Massenverkehrsmittel in der jungen Republik.

Die weitere wirtschaftliche und gesellschaftliche Öffnung des bevölkerungsreichsten Landes nach Westen führt in den 1990er Jahren zu einem Paradigmenwechsel in der gesellschaftlichen Mobilitätsgestaltung. Das Auto setzt sich als Statussymbol durch und verfestigt sich dank medial stets wiederholten Ausdrücken wie „ich würde lieber heulend auf der Rückbank eines BMW sitzen als lächelnd auf dem Fahrrad“, welches 2010 bei einer populären Fernsehshow für Furore sorgte. Gravierende sozio-ökonomische Veränderungen und der damit einhergehende explosionsartige, autogerechte Ausbau chinesischer Städte führen nicht nur zur Degradierung des Fahrrades als Transportmittel der Armen, sondern auch zur heutigen Umweltbelastung. Während 1986 der Radverkehrsanteil von allen Wegen landesweit bei über 62% lag, ist er gegenwärtig (2013) auf 30% gesunken. Der Gesellschaftswandel mit zunehmendem Autobesitz hat Chinas meist sehr dicht bebaute Städte überrollt. Die entstandene Not und akute Gesundheitsgefährdung wird derzeit immer mehr zum Motor einer neuen gesellschaftlichen Dynamik, die sich wieder dem Fahrrad zuwendet.

Von außen betrachtet ist das chinesische Verkehrswesen chaotisch. Das liegt nicht nur an den nicht-lateinischen Straßenschildern, (nur an den großen Verkehrswegen sind die Schilder bilingual gekennzeichnet), sondern auch an den geläufigen Praktiken. Während der Kulturellen Revolution (1966-1976) galt in China das Linksfahrgebot. Auch wenn sich der Rechtsverkehr etabliert hat, ignorieren viele Zweiräder das Gebot. 2003 wurde in China aufgrund vieler Verkehrstoter das Straßenverkehrssicherheits-Gesetz der Volksrepublik China eingeführt. Dieses Gesetz implementiert härtere Strafen im Straßenverkehr, vor allem gegenüber Autofahrern und führte überhaupt erst grundsätzliche Statuten ein, wie eine Kfz-Versicherung. Hinzu kommt ein Vorfahrtsgebot, das nicht auf gesetzlichen Vorfahrtsregeln beruht, sondern sich daran orientiert, wer zuerst an einer Kreuzung ankommt auch zuerst fahren darf.

(Foto: Stougard, Woman is repairing her bike, wikicommons 2008)

Mehr:

(Video vom Straßenverkehr in Taizhou)

http://tu-dresden.de/die_tu_dresden/fakultaeten/vkw/ivs/vip/dateien/Radverkehr%20in%20China%2001.pdf

http://www.tdm-beijing.org/files/Work-in-Progress-TDM-Beijing-brochure.pdf (Englisch)

http://imperialtours.de/bicycle.htm (Englisch)

http://gbtimes.com/life/short-history-bicycles-china (Englisch)

Veröffentlicht am: 22.03.2016