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Radwelten: Warum können viele muslimische Frauen nicht fahrradfahren?

Fahrradfahrende Frauen sind in einigen muslimisch geprägten Ländern eine Seltenheit. Aufgrund von kulturellen Traditionen sind Frauen auf Fahrrädern von den patriarchalen Strukturen nicht erwünscht. Dies ist zum einen der für Frauen scheinbar ungeeigneten Sitzposition geschuldet, da die Angst besteht, dies könnte Auswirkungen auf deren Sittsamkeit haben. Kleidungsvorschriften und andere Bräuche verpönen unter anderem angedeutete Körperformen oder das Freilegen von Körperteilen, wie es beim Fahrradfahren vorkommen könnte. In der Konsequenz führt dies dazu, dass viele Muslima, trotz dem Fehlen eines offiziellen Verbots, aus Scham vor der Sonderstellung des Fahrradfahrens für ihr Geschlecht, darauf verzichten. Im Iran erregte 2011 ein Polizeiwachtmeister Aufsehen, da er verlautete, dass fahrradfahrende Frauen „streng verfolgt“ und sogar inhaftiert würden. Es gibt aber keinerlei gesetzliche Grundlagen für solch eine Bestrafung. In der Türkei sprach sich ein Professor der Technischen Yildiz Universität für ein „Islamisches Fahrrad“ aus, das eine andere Sitzposition vorschreibt und gleichzeitig die Entblößung der fahrenden Frau vermeidet. An der Entwicklung dieses Vehikels wird im Iran bereits seit 2007 gearbeitet.

Gleichzeitig gibt es immer mehr Bestrebungen in die entgegengesetzte Richtung. Mit Initiativen wie dem Mountain2Mountain Projekt in Afghanistan oder der „Yalla Let’s Bike“-Initiative in Syrien wird die Emanzipation der Frauen gefördert, wobei dem Fahrradfahren ähnliche politische Kraft zugeschrieben wird, wie in westlichen Ländern. Zur Zeit der Frauenbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts war das Fahrrad ebenso ein Zeichen von sozialer Mobilität, was die amerikanische Frauenrechtlerin Susan B. Anthony (1820-1906) zu der Aussage brachte: „Ich glaube das Fahrradfahren hat mehr für die Emanzipation der Frauen getan als alles andere. Es gibt Frauen ein Gefühl der Freiheit und der Selbstbestimmtheit.“

Das Fahrrad ist dabei immer ein Ausdruck gleichberechtigter Teilhabe. Innerhalb Deutschlands gibt es viele Bestrebungen Frauen das Fahrradfahren zu ermöglichen, um damit mehr soziale und ökonomische Unabhängigkeit zu erlangen. Der Bayerische Landes-Sportverband e.V. hat zum Beispiel mit dem Programm Integration durch Sport ein Modul entworfen, dass vor allem Fahrradkurse für Migrantinnen anbietet. Die Stadt Erlangen konzentriert sich mit ihrem BIG-Projekt (Bewegung als Investition in Gesundheit) zusammen mit dem ADFC Erlangen auf die Förderung von Frauen im Bereich Radverkehr. (Siehe dazu auch den Beitrag “Best Practice der Fahrradintegration”)

(Foto: Yalla Let’s Bike)

 

ORF Beitrag zu Fahrradkursen für Migrantinnen.

 

Mehr Informationen:

http://www.thenational.ae/news/world/middle-east/women-cyclists-face-jail-warns-iranian-police-chief (Englisch)

http://www.hriran.com/1389-09-10-15-49-17/1389-09-08-16-35-25/1389-09-08-16-50-54/6973-1390-08-02-21-21-04.html (Farsi)

http://usatoday30.usatoday.com/news/opinion/2007-06-28-iranian-bicycle-women_N.htm (Englisch)

http://www.economist.com/node/21562945 (Englisch)

http://mountain2mountain.org/ (Englisch)

Veröffentlicht am: 14.03.2016