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Interview mit Joachim Herrmann, Bayerischer Staatsminister des Innern

Herr Staatsminister Herrmann, Sie stammen aus der „Fahrradstadt“ Erlangen. Durch Ihr Amt sind Sie allerdings viel unterwegs. Lässt Ihnen Ihr Amt noch Zeit zum Fahrradfahren? Nutzen Sie das Rad dann eher für Freizeit- oder Alltagsfahrten?
Ich bin ein leidenschaftlicher Radler und würde am liebsten viel mehr Fahrten mit dem Fahrrad machen. Aber Sie deuten es ja in Ihrer Frage bereits an: Dienstlich muss ich oft weite Entfernungen zurücklegen – denken Sie zum Beispiel an die Fahrten zwischen meiner Heimatstadt Erlangen und dem Dienstort München – da muss ich oft auf das Fahrrad verzichten. In meiner Freizeit benutze ich mein Radl so oft wie möglich.

Wohin ging Ihre letzte längere Radltour?
Im Herbst 2012 bin ich ungefähr 60 km die Altmühl entlanggefahren. Die Fahrradwege dort sind ausgezeichnet ausgeschildert, die Landschaft abwechslungsreich mit wunderschönen Ausblicken, und die Gasthäuser bieten in freundlicher Atmosphäre köstliche regionale Spezialitäten an.
Jedes Jahr radle ich auch bei der BR-Radltour mit, zwar nicht die ganze Woche, aber so viele Teiletappen wie möglich. Die BR-Radltour ist für mich immer ein Highlight: Das gemeinsame Sporteln, das abwechslungsreiche Programm jeden Abend in einer anderen unser schönen bayerischen Städte – das sind wunderbare Erlebnisse.

Hand aufs Herz: Als Minister steht Ihnen ein Auto und ein Fahrer zur Verfügung; wann nutzen Sie diese und wann treten Sie selber in die Pedale? Welchen Vorteil hat das Rad gegenüber anderen Verkehrsmitteln – und welchen Nachteil?
Für kurze und mittlere Strecken bis zu 5 oder 6 Kilometer gibt es keine bessere Art der Fortbewegung. Hier ist das Fahrrad das effektivste und beste Verkehrsmittel, ein besonders umweltfreundliches noch dazu. Fahrradfahren ist gesund und hält körperlich fit. Als Nachteil könnte man vielleicht die Unbequemlichkeit anführen, wenn es regnet oder wenn es kalt ist – aber das ist in meinen Augen eine Frage der Ausrüstung – und die ist heutzutage wirklich ausgezeichnet. Sowohl die Kleidung für Radler ist auf höchstem technischen Stand, als auch die Ausstattung und das Material der Fahrräder – da hat sich immens viel getan und ist viel know-how in die Entwicklung geflossen. Wann immer ich kann, nutze ich innerhalb von München das Fahrrad – ich habe dafür sogar auch eines im Innenministerium stehen. Wenn ich allerdings Anschlusstermine außerhalb der Landeshauptstadt wahrnehme, muss ich auf das Fahrrad verzichten – das ist leider viel zu oft der Fall.

Was ärgert Sie selber ganz persönlich, wenn Sie auf dem Rad unterwegs sind?
Rücksichtloses Verhalten – egal, ob es von Autofahrern oder von Radlern ausgeht – finde ich sehr bedauerlich und schade. Es kommt doch darauf an, unfallfrei und gesund anzukommen – und nicht darauf, in brenzligen Situationen Recht zu haben oder schnell noch jemanden zu überholen oder sich an der Ampel vorzudrängen. In Bayern läuft das Verkehrssicherheitsprogramm „Bayern mobil – sicher ans Ziel“, mit dem wir die Zahl der Verkehrstoten um 30 Prozent senken wollen. Wir müssen die richtigen Prioritäten setzen. Sicherheit im Straßenverkehr ist das Wichtigste, und nicht kleine, oft gefährliche egoistische Rangeleien. Der Leitspruch und das Motto von „Bayern mobil – sicher ans Ziel“ lautet auch: „Auf der Straße will ich nicht Sieger sein, sondern sicher!“

Nach der Landtagswahl sind Sie nun auch für den Verkehr in Bayern zuständig. Wie werden Sie die neuen Zuständigkeiten für den Radverkehr nutzen?
Die Förderung des Fahrradverkehrs ist für den Freistaat und für mich persönlich ein wichtiges Anliegen. Fahrradwege werden weiter ausgebaut, die Wegführung soll für Radler sicherer und übersichtlicher werden. Auch die Verzahnung des Radverkehrs mit dem öffentlichen Personenverkehr ist mir ein wichtiges Anliegen. Insgesamt geht es darum, den Radverkehr als feste Größe im örtlichen und überörtlichen Verkehr noch mehr zu etablieren und auszubauen. Das geht nur mit festen Partnern und nur gemeinsam, zusammen mit den Kommunen und mit den Partnern wie der AGFK.

Der Radverkehr hat in den letzten Jahren enorme Zugewinne verzeichnet. Was sind in Ihren Augen die wichtigsten Stellschrauben, damit dieser Trend anhält?
Wichtig ist erstmal eine sicher und zügig befahrbare Infrastruktur. Wir haben in Bayern bereits über 8.000 km Radwege und für den Radverkehr nutzbare Wege entlang der Bundes- und Staatsstraßen. Dieses Wegenetz werden wir in den nächsten Jahren kontinuierlich ausbauen. Wichtig ist, dass die Kommunen den Fahrradverkehr zum Beispiel für die Wege zur Arbeit oder zum Einkaufen unterstützen und fördern. Zu einer zukunftsstarken, familienfreundlichen und lebenswerten Heimat gehören fahrradfreundliche Kommunen. Wichtig ist auch der touristische Faktor. Der Radverkehr hat sich zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor in Bayern entwickelt. Die Kombination aus Gesundheit, Sport, Bewegung, Genuss und Landschaft ist im Radtourismus geradezu ideal vereint und wird von den Urlaubern sehr geschätzt. Das Angebot in Bayern ist groß und bietet für jeden etwas – für die Familien mit Kindern, für die sportlichen Mountainbiker, für die Kulturinteressierten und für die Genussradler. Wichtig ist vor allem, dass viele Partner an einem Strang ziehen und zusammenarbeiten. Nur gemeinschaftlich können wir gemeindeübergreifende Projekte stemmen, weitere Konzepte für den Radverkehr anstoßen und erfolgreich die Fahrradnutzung fördern – zum Wohle der Mobilität, der Umwelt und der Gesundheit.

Die Straßen füllen sich mit Radfahrern; das ist einerseits erfreulich, gleichzeitig steigt der Nutzungsdruck auf die Rad-Infrastruktur; es gibt auch mehr Konflikte mit anderen Verkehrsteilnehmern. Sie haben die Verkehrssicherheit in den Fokus gerückt – wo sehen Sie konkreten Handlungsspielraum Ihres Ministeriums um diese Konflikte zu entschärfen?
Radler, Fußgänger und motorisierte Verkehrsteilnehmer sind zunächst einmal selbst gefragt: Ein rücksichtsvolles Miteinander ist das „A und O“ für die Sicherheit im Straßenverkehr. Dafür wollen wir intensiv werben. Die Eigenverantwortung der Radler sehe ich zum Beispiel darin, für eine sichere Fahrradausstattung zu sorgen. Immer noch fahren viel zu viele Radler ohne Licht – das ist lebensgefährlich. Darüber wollen wir aufklären, zum Beispiel gemeinsam mit der AGFK.
Als bayerischer Verkehrsminister bin ich mit verantwortlich für eine sichere, effektive und nachhaltige Verkehrspolitik. Dazu gehört zum Beispiel, für Pendler eine attraktive Kombination von Rad-, Schienen- und Busverkehr anzubieten. Genauso gehört dazu der weitere Ausbau von sicheren und schnellen Radwegen und der Abbau von Unfallschwerpunkten mit Radlern – hier kommt der Arbeit der Unfallkommissionen besondere Bedeutung zu. Auch verlässliche Rechtsnormen sind elementar für die Verkehrssicherheit. Unsere Unfallforschung ist sehr genau und detailliert – wir setzen mit den entsprechenden Maßnahmen genau da an, wo konkret etwas für die Verkehrssicherheit getan werden kann.

Auf Bundesebene spielt das Thema Radverkehr nur eine untergeordnete Rolle. Mit Alexander Dobrindt steht das Verkehrsministerium wieder unter der Führung der CSU; erwarten Sie einen stärkeren Fokus auf den Radverkehr in der Bundespolitik?
Alexander Dobrindt ist ein junger, moderner Verkehrsminister. Ich stehe in engem Kontakt mit ihm und bin zuversichtlich, dass wir gemeinsam etwas für die Radler tun können.

Sie sind Schirmherr der AGFK Bayern e.V. – was erwarten Sie vom Verein in Bezug auf die Gestaltung des Radverkehrs im Freistaat?
Ich bin sehr gerne Schirmherr der AGFK – fahrradfreundliche Kommunen sind für die Zukunft gerüstet. Ich wünsche mir, dass sich die gute und konstruktive Zusammenarbeit fortsetzt und dass wir gemeinsam Lösungen finden, die den Interessen und Motiven der Partner gerecht werden. Nicht die Einzelinteressen zählen, sondern der gemeinsame, machbare Weg.

Die AGFK Bayern hat elf zentrale Forderungen für die Radverkehrsförderung in Bund und Land aufgestellt. Die Umsetzung welcher Punkte halten Sie für besonders wichtig?
Die Vernetzung der verschiedenen Verkehrsmittel halte ich für entscheidend. Auf den richtigen Mix kommt es an.

Welche Veränderung in der Radverkehrssituation des Freistaates möchten Sie als neuer Verkehrsminister gerne am Ende der Legislaturperiode erreicht sehen?
Wenn mehr Menschen für kurze und mittlere Wege auf das Fahrrad steigen, wenn die Verkehrswegeführung noch sicherere Mobilität auf dem Rad gewährleistet, wenn noch mehr Fahrradfahrer sich an die Verkehrsregeln halten, wenn es mehr fahrradfreundliche Kommunen gibt – dann wäre schon viel gewonnen und wir hätten einiges erreicht.

Das Fahrrad gewinnt immer mehr an Bedeutung, Stichworte wie Pedelec, Lastenräder, Fahrradstationen oder Radschnellwege sprechen für sich. Wie sehen Sie die Bedeutung des Radverkehrs in Bayern im Jahr 2020?
Der Radverkehr wird zunehmen und an Bedeutung gewinnen. Umso mehr liegt mir die Verkehrssicherheit der Fahrradfahrerinnen und Fahrradfahrer am Herzen. Unser Verkehrssicherheitsprogramm „Bayern mobil – sicher ans Ziel“ läuft bis 2020. Bis dahin möchten wir sehr viel weniger Verkehrstote auf Bayerns Straßen zu beklagen haben – weniger als 550. Die Gesamtzahl der Verkehrsunfälle und der Verletzten auf Bayerns Straßen soll weiter reduziert werden. Radler, Fußgänger und Kinder sollen besser geschützt sein.

 

Veröffentlicht am: 17.02.2014